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Karate: Kunst - Kampf - Kontrolle

Schwallungen – Ein Tritt genügt. Ein Schlag reicht. Ein Wurf – und der Gegner geht zu Boden. Besiegt. Nico Wojna schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt er. Wer nach Jahren des Trainings in der Lage wäre, mit einem Tritt, einem Schlag, einem Wurf einen Gegner zu Boden zu bringen, würde genau das nicht tun: Jemanden besiegen. Kampf und Sieg – „das ist nicht Karate“, erklärt Nico Wojna. „Karate ist mehr.“ Mehr als eine Kombination aus Sport und Kampfkunst. Wer Karate, die alte fernöstliche Kampfsportart, ausübt, bemüht sich um Kontrolle des Körpers ebenso wie des Geistes. Was bedeutet, „einen Gegner niemals zu verletzen“ und ihn, wenn er besiegt ist, „niemals zu demütigen“. Einen Kampf führen, gewinnen wollen, ohne dass der Gegner wirklich verliert? „Genau“, sagt Nico Wojna. „Genau das fordert Bushido, der Ehrenkodex der Samurai.“

„Bushido“ nennt sich auch der Verein, der auf Initiative des Karate-Landestrainers Klaus Bitsch im Mai in Schwallungen gegründet worden ist. Etwa 20 Kinder und Jugendliche, Mädchen und Jungen zwischen 5 und 17 Jahre alt, werden von Nico Wojna, Karatemeister und Träger des schwarzen Gurts, in der Kampfkunst trainiert. Erwachsene, Frauen und Männer jeden Alters, sind willkommen, „die Gruppe ist offen“, sagt Nico Wojna. Auch das sei ein Prinzip des Bushido – gleich wie sich eine Gruppe zusammensetzt, „wird ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt und gelebt“. Bruce Lee, der als Ikone der Kampfkunst im 20. Jahrhundert gilt, „hat das schon vor 30 Jahren so gemacht“. Und so trainieren in Schwallungen Anfänger – Weißgurtträger – zusammen mit viel weiter fortgeschrittenen jungen Kampfkünstlern.

Der Meister zählt. „Ichi, ni, san“ – und ein Kind nach dem anderen stellt sich in Position. Synchron bewegen sie Arme und Beine, üben die traditionellen, festgeschriebenen Bewegungsabläufe für „Kumite“, den „ehrenvollen Kampf“ mit einem Gegner, und „Kata“, den Kunstkampf ohne Gegner. Es geht, erklärt Nico Wojna, um „Technik, Körperkraft und Geschwindigkeit“. Karate bedeute im Wortsinn „leere Hand“, man kämpft ohne Waffen. Ein Kampf besteht aus kontrollierten Schlägen, Tritten, Würfen, Sprüngen. Die Verletzungsgefahr? „Geringer als in vielen anderen Sportarten“, sagt der Trainer. Der gesundheitliche Aspekt des Karate sei auch nicht zu vernachlässigen – weil man lerne, wie der Körper funktioniert. Geübt wird, sicher zu stehen, richtig zu atmen, was „kime“ heißt, jeden Teil des Körpers in jeder Bewegung unter Kontrolle zu halten.

Ebenso wichtig, erklärt Nico Wojna, sei die Kontrolle des Geistes. „Die Vervollkommnung des Charakters“, nennt er das Streben nach Erfüllung des Ehrenkodexes. Vieles aus dem Kodex entspreche „den christlichen Tugenden“. Pflichterfüllung, Treue, Hilfsbereitschaft, Ehre. Und vor allem: „Respekt“. Respekt „gegenüber allen Lebewesen, gegenüber Sachen, gegenüber der Umwelt“. Schon das Training beginnt mit einem japanischen Gruß, der Respekt ausdrückt: Alle knien auf dem Boden, neigen den Kopf. Um zu bedeuten, dass sie „dem Raum Respekt erweisen und dem Meister“. Der Gruß ist „wie ein Vertrag“, der beinhalte, „dass ich ordentlich trainieren werde, dass ich dankbar bin, trainieren zu können, dass ich mich jetzt auf die Karate-Welt konzentriere und den Alltag draußen lasse.“ Mit dem Abschluss-Gruß „nimmt man den Alltag ebenso dankbar wieder in sich auf“.

Ist das Kindern zu vermitteln? Nico Wojna nickt. „Auch das hat mit Respekt zu tun“ – weil die Kinder merkten, dass sie angenommen und respektiert würden, dass niemand ausgeschlossen werde. Die Beschäftigung mit Kultur und Philosophie des Karate, die in den Trainingsstunden einen festen Platz hat, „vermittelt auch Werte“. Der Trainer gestaltet die Treffen mit spielerischen Elementen, sportlichen Übungen – und trotzdem mit Disziplin. „Was darf man nicht gehen?“, ruft er in ein Grüppchen wild durch die Halle kreiselnder Kinder. „Auf den Keks“, rufen sie wie aus einem Mund und stellen sich wieder auf, konzentriert und ernsthaft.

„Die größte Herausforderung“, sagt Nico Wojna lächelnd, „ist der Kampf mit sich selbst“. Karate versuche, zur Zielstrebigkeit und Tugend zu erziehen – nur die ersten Gurte sind mit Prüfungen in reiner Kampfkunst zu erreichen. Ein schwarzer Gurt, einen der verschiedenen Ebenen des „Dan“, der Titel eines Meisters oder Großmeisters, muss mit Kampfkunst und „innerer Reife“ erworben werden.

Die Reife, die verhindere, dass, wer seinen Körper in einer Kampfkunst trainiert hat, die Kräfte negativ nutzt. Ein Karatemeister werde sich „nie hinstellen und sagen: ,ich bin der Größte‘“, die Prinzipien des Karate verbieten, jemanden anzugreifen, es sei denn, „es geht um Leib und Leben“. Generell „soll immer versucht werden, den Kampf zu vermeiden“. Er habe aber die Erfahrung gemacht, sagt der Trainer, dass vor allem für Mädchen der „Hintergedanke“, sich im Notfall verteidigen zu können, die Kampfkunst interessant mache.

Und wenn jemand kommt, um sich zum Schläger ausbilden zu lassen? Nico Wojna lacht. „Unwahrscheinlich.“ Die hohe Kunst zu beherrschen, dauere etwas länger. „Erst lernt man sicher stehen, dann die Blocktechniken, dann die Verteidigung – die Schläge kommen viel später“. Wer in unlauterer Absicht ein Karatetraining beginne, „hält gar nicht so lange durch“. Aber nein, sagt er, „natürlich kann ich nie 100 Prozent sicher sein“. Mit Karate könne man „was Böses machen, aber auch was Gutes“. Ein Mechanismus im Leben, befindet Nico Wojna, wie viele andere Mechanismen. „Wenn jemand Hilfe braucht, kann man wegschauen, aber man kann auch helfen.“

Wer in der Lage ist, mit einem Tritt, einem Schlag, einem Wurf einen anderen zu Boden gehen zu lassen, muss es – außer um der Kampfkunst willen – nicht tun. „Wird es nicht tun“, sagt Nico Wojna. „Eine Frage des Respekts.“ Er habe einmal einen Menschen mit einem gezielten Tritt „umgehauen“, um zu verhindern, dass der einen Schwächeren angreife. „Aber ich hab ihn nicht verletzt und auch sofort wieder aufgehoben.“

(c) Südthüringer Zeitung

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