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Karate ohne Augenlicht

„Ich hör die Schläge kommen!”

Ramona Effenberger

...hört die Schläge kommen...

Kampf gegen einen imaginären Gegner. Dann führt die Hamburgerin eindrucksvoll vor, wie man verschiedenste Angriffe abwehrt und kontert. Lautstark gibt sie dabei ihrem Übungspartner japanische Kommandos. Zum Abschluss darf „Kampfschwein” Ramona, wie sie von ihrem Lehrmeister liebevoll ganannt wird, ihr Können bei einem Fight demonstrieren.

Die 42-Jährige schlägt sich gut – ist ja auch normal denken sich alle, die hat ja auch den braunen Gürtel! Doch dann ist alles plötzlich ganz anders und gar nicht mehr normal, denn Ramona greift zu ihrem Stock und führt ihn auf dem Rückweg zu ihrem Platz vor sich her. Ramona ist blind! „Die ganze Familie ist erblich belastet”, erzählt Ramona, die als Kind sehr wohl noch Farben sehen konnte, mittlerweile aber nur noch helle Schatten erkennt.

Das gleiche Schicksal blüht auch Tochter Maria (17), die ihre Mama auf dem weiten Weg von Hamburg nach Traunreut begleitet hat. Dorthin, wo deutschlandweit das einzige Karateturnier für behinderte Menschen veranstaltet wird. „Als ich erfuhr, dass es hier ein Behindertenturnier gibt, hat mich das sofort gereizt”, erinnert sich die Hamburgerin.

Sie setzte sich mit Ilse Werner in Verbindung, die sich seit sechs Jahren genauso leidenschaftlich wie erfolgreich für Behindertenkarate einsetzt und das Turnier vergangenes Jahr aus der Taufe gehoben hat. „Ramona erkundigte sich zugleich bei mir, ob sie hier nicht auch die Schwarzgurtprüfung machen könnte”, so Werner, die daraufhin den Kontakt zu Prüfer Fritz Oblinger herstellte. Und siehe da: Oblinger, der schon mehrmals eine Gürtelprüfung für Menschen mit Behinderung durchgeführt hat, lud Ramona für September zur Danprüfung in Potsdam ein.

„Ich wollte immer schon den schwarzen Gürtel machen, hatte aber bisher Angst, die Prüfer könnten sich nicht so sehr in mich reinversetzen”, freut sich Effenberger darüber, nun jemanden gefunden zu haben, der ihre Leistung sehr wohl einzuschätzen weiß. Dabei war der Einstieg ins Karate vor neun Jahren gar nicht so leicht. Erst nach etlichen Ablehnungen – wie will eine Blinde Karate machen? – fand Ramona den Weg zum Hamburger Dojo von Horst Pfänder. „Der hielt mir damals die geballte Faust vors Gesicht und fragte: Siehst Du das? Dann kannst Du auch Karate machen”, erzählt die Powerfrau von der ersehnten Aufnahme in ein Dojo.

Pfänder brachte ihr viel bei, ließ sie spüren wie’s geht, indem er sie richtig hinstellte oder ihre Finger zur Karate-Faust formte. Mit viel Fleiß, Disziplin und Durchhaltevermögen erarbeitete sich Ramona ein neues, selbstbewussteres Leben: Wenn ich früher bei Dunkelheit rausging, habe ich gar nichts mehr gesehen und zuckte bei fremden Geräuschen unweigerlich zusammen. Aber heute weiß ich, dass ich mich wehren kann!” Wie sehr sie damit Recht hat, stellte die 42-Jährige beim Turnier in Traunreut überaus eindrucksvoll unter Beweis.

Und hört sie einen Schlag einmal nicht kommen, „dann passiert es schon, dass ich eine auf die Brille kriege – aber dann war ich halt einfach zu langsam”, nimmt Effenberger ihr Schicksal mit bewundernswertem Humor.

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Karate: Kunst - Kampf - Kontrolle | Nominierte zur EM in Italien 2008